Bericht über den Bersuch der XIII. IDT 2005 in Graz
www.idt-2005.at
Die diesjährige Internationale Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Graz fand unter dem Thema Begegnungssprache Deutsch. Motivation – Herausforderung – Perspektiven statt und begann mit einer umfangreichen Eröffnungsveranstaltung im Grazer Kongresshaus, bei der sich über 2100 TeilnehmerInnen aus 99 verschiedenen Ländern zusammenfanden.
Die Koordinatorin der Tagung Brigitte Sorger sprach erste einleitende Worte und beeindruckte die TeilnehmerInnen mit Zahlen aus der Vorbereitungsphase, die ganze vier Jahre in Anspruch genommen hatte und während der sie über 20.000 Emails beantwortet hatte. Nach weiteren Grußworten von VertreterInnen aus den Bereichen Politik und Bildung, wurde die Tagung von Roland Fischer (Präsident des ÖdaF) und Helena Hanuljaková (Präsidentin IDV) offiziell eröffnet. Der Tagungspräsident Paul Portmann-Tselikas (Graz) sprach anschließend in seinem Eröffnungsvortrag über das Lernen viele Aspekte an, die für alle Deutschunterrichtenden immer wieder wichtig sind, wie z.B. die Frage nach der „richtigen“ Methode, die Bedeutung der Spracherwerbsforschung für den Unterricht und das Problem, im Fach Landeskunde ein umfassendes Bild von den deutschsprachigen Ländern und keine Stereotype zu vermitteln.
Abschließend schilderte die österreichische Schriftstellerin Barbara Frischmuth in ihrem Vortrag „Die Literatur – eine Zumutung“, was geschieht, wenn sich Autoren und Autorinnen bewusst für eine andere als ihre Muttersprache entscheiden. Ausgehend von einer Diskussionsrunde mit SchriftstellerInnen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Muttersprachen beschrieb sie deren Strategien und Emotionen bei der Aneignung der neuen deutschen Sprache, die in engem Zusammenhang mit Identität, Erfahrungen der Fremdheit und Migration stehen. Vom literarischen Blickwinkel aus betrachtet wurde am Ende den Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern gedankt, die den AutorInnen erst die Möglichkeit gegeben haben, die deutsche Sprache zu erlernen, zu benützen und zu bereichern.
Der Vortrag ist im Internet unter
http://www.wochenendgespraeche.at/2005/retrospektive/files/frischmuth_idt.pdf
zu finden. Die ganze Eröffnungsveranstaltung wurde durch einige musikalische Einlagen der Grazer Jazzband „Beefolk“ aufgelockert, deren aus Island stammender Sänger das Publikum mit der Anekdote unterhielt, im Deutschunterricht ein äußerst schlechter Schüler gewesen zu sein, den bei seinem Umzug nach Österreich das schlechte Gewissen gegenüber seiner ehemaligen Deutschlehrerin geplagt hatte. Mittlerweile spricht er jedoch ein perfektes Deutsch, was vielleicht einige unserer SchülerInnen und StudentInnen ermuntern könnte. Dieser Band hat auch eine Webseite.
Nach diesem offiziellen Auftakt hatten die TeilnehmerInnen Zeit für die Erledigung organisatorischer Dinge wie die Einschreibung oder die Kartenreservierung für die zahlreichen Kulturveranstaltungen. Auch die von den Verlagen betreuten Stände und das Lernerforum, in dem regionalisierte Unterrichtsmaterialien verschiedener Institute vorgestellt wurden, boten in den Pausen immer wieder die Möglichkeit, sich zu informieren und ins Gespräch zu kommen. Am ersten Nachmittag begann die Gruppenarbeit in den Sektionen, die in 8 große Themenblöcke mit verschiedenen Untersektionen gegliedert waren. Die durchgängige Teilnahme an einem zweitägigen Block wurde empfohlen, viele Teilnehmer haben es jedoch wegen der Vielzahl an interessanten Themen vorgezogen, in mehrere Sektionen hineinzuhören. Ich habe an den ersten beiden Tage an der Sektion „Deutsch als plurizentrische Sprache“ teilgenommen, die dem Leitthema „Deutsch im sprachenpolitischen Kontext“ zugeteilt war und von Rudolf de Cillia (Universität Wien) und Dikova Ventzislava (Universität Sofia) geleitet wurde. Das Thema der Plurizentrizität wurde dabei von verschiedenen Seiten her beleuchtet: von der Konzeptionalisierung über die Perzeption bis zur Umsetzung in Unterrichtsmaterialien. Mein eigener Beitrag „Deutsche Sprache und österreichische Nation“ fand im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit zwei KollegInnen zum Thema „Perzeption der Varietäten – Stereotypenforschung“ statt.
Dabei ging es um das Verhältnis von Deutschland und Österreich im Verlauf der neueren Geschichte (ab 1866 bis heute), das durch einen immer wiederkehrenden Konflikt zwischen einem Zusammengehörigkeitsgefühl aufgrund der gemeinsamen Sprache auf der einen Seite und nationalen Abgrenzungstendenzen auf der anderen Seite geprägt ist. Die Konzeption des österreichischen Deutsch und seine sprachenpolitische Propagierung kann als Ausläufer des Wunsches nach nationaler Abgrenzung verstanden werden, wobei in diesem Zusammenhang die von Manfred Glauninger vertretene These interessant war, nach der die nationalstaatliche Komponente im Konzept der Plurizentrizität zunehmend an Relevanz verliert, da verstärkt das „pluriareale“ Konzept an Bedeutung gewinnt, das sich nicht auf den Sprachgebrauch in einem nationalstaatlichen Gebilde, sondern in nationenübergreifenden Regionen bezieht.
Jutta Ransmayr sprach in ihrem Beitrag die Vermutung aus, dass das österreichische Deutsch (ÖD) ein Imageproblem habe, da die Unterschiede der drei Standardvarietäten (in D, A und CH) und deren Konzeptionalisierung wenig populär und auch wenig bekannt seien. Dies zeigt sich vor allem dadurch, dass im Fremdsprachenunterricht an ausländischen Universitäten meistens dem in Deutschland gesprochenen Deutsch der Vorzug gegeben wird, wohingegen das ÖD zwar als nett, melodisch und charmant angesehen wird, aber in der Unterrichtspraxis meist keine Rolle spielt und bei Prüfungen als falsch beurteilt wird. Das führt wiederum zu dem Effekt, dass die Lernenden das ÖD mit einer gewissen Skepsis betrachten und sie deshalb ungern Austauschplätze an den Universitäten in Österreich annehmen.
Die Diskussion um das ÖD spielt sich allgemein zwischen den beiden Polen der Ablehnung des gesamten Konzepts als unverantwortliche, unwissenschaftliche und unnötige sprachenpolitische Maßnahme und der Akzeptanz als linguistische Tatsache mit identitätsstiftendem Charakter ab, verbunden mit dem Wunsch nach mehr Information und besser geeigneten Unterrichtsmaterialien. In der Sektion wurden Materialien wie der Österreich-Spiegel des Österreich-Instituts (www.oesterreichinstitut.at) oder das Projekt des Österreichischen Sprachdiploms (www.oesd.at) vorgestellt, Unterrichtsvorschläge zur Arbeit mit ORF-Nachrichtensendungen gemacht und das 2004 erschienene Variantenwörterbuch vom Mitherausgeber Hans Moser vorgestellt. Das Buch ist beschrieben unter:
http://www.degruyter.com/rs/bookSingle.cfm?isbn=3-11-016575-9
Von Witold Sadzinski wurde schließlich die These aufgestellt, die Standardsprachen seien überhaupt eine Fiktion, denn der Sprachgebrauch sei auch im Binnendeutschen alles andere als einheitlich. So gebe es im Deutschen viele regionale Varianten, die in bestimmten Kontexten auch überregional benutzt werden, wie Sadzinski anhand der Variante Brötchen (norddt.) vs. Semmel (süddt.) und dem allgemein gebräuchlichen Kompositum „semmelblond“ oder dem Sprichwort „Das geht weg wie warme Semmeln“ veranschaulichte. Am Ende dieses ersten Blocks berichtete Joseph Wipf über die in den USA lebende baptistische Glaubensgemeinde der Hutterer, die aus religiösen Gründen daran interessiert sind, die deutsche Sprache weiterzugeben (zum Lesen der Bibel und Verstehen der Predigten). Es kommt zu Mischformen, die Elemente aus der deutschen und englischen Grammatik verbinden, wie „ich habe das geused“, „er hat geargued“ oder „ich bin noch nicht ready“. Wie von einem der Teilnehmer festgestellt wurde, nähern sich diese Mischbildungen den Neologismen der heutigen Jugendsprache an. Zusammenfassend kann man sagen, dass man sich - trotz der Diskussion um die sprachlichen Merkmale und die Bedeutung des ÖD als Versuche der sprachlichen Grenzziehung - im Hinblick auf die alltägliche praktische Arbeit einig war, dass nur mit einer verstärkten Kooperation der deutschsprachigen Länder sinnvolle Synergieeffekte in der Vermittlung von Kultur und Sprache erzielt werden können. Am Dienstagnachmittag gab es zum Abschluss der ersten Einheit ein Treffen aller Gruppen, die am Thema „Deutsch im sprachenpolitischen Kontext“ beteiligt waren. Die Gruppen haben ihre Ergebnisse in einer mündlichen Zusammenfassung auf einer Pinnwand präsentiert, wodurch es noch einmal die Gelegenheit zum Austausch gab, auch für Leute, die keine Gelegenheit hatten, an der Sektion teilzunehmen.
Außer der Arbeit in den Sektionen gab es Dienstag, Donnerstag und Freitag dreiviertelstündige Plenarvorträge von zahlreichen WissenschaftlerInnen. Ich persönlich habe einen Vortrag von Swantje Ehlers besucht, die als Herausgeberin des Fernstudienbandes „Lesen als Verstehen“ bekannt ist. Ihr Vortrag hat sich mit dem Einsatz von Märchen im Fremdsprachenunterricht beschäftigt, mit dem Verhältnis von Text und Bild in illustrierten Kinderbüchern und der Wiederkehr von Märchenmotiven in moderner Literatur (z.B. Patrick Süßkind: Die Geschichte des Herrn Sommer) und Lyrik (z.B. Marie-Luise Kaschnitz: Bräutigam Froschkönig). Die moderne Literatur benutzt immer wieder Märchenmotive und deutet sie um, wodurch der Erwartungshorizont von Erlösung, wunderbarer Welt und Glück gebrochen wird. Frau Ehlers hält deshalb Märchen für didaktisch besonders wertvoll, da hier sowohl der Einsatz und Wandel von Motiven als auch Aspekte der Intermedialität sichtbar gemacht werden können. Am Donnerstag habe ich den Vortrag von Manuela Glaboniat angehört, die über den Nutzen und die Grenzen der Europaratsskalen im Bereich des Prüfens und Zertifizierens gesprochen hat. Ihrer Meinung nach ist es positiv zu bewerten, wenn anhand bestimmter Kriterien allgemeine Normen für das Testen verschiedener sprachlicher Niveaustufen festgelegt und damit Transparenz und Vergleichbarkeit gewährleistet werden. Im Zentrum der Europaratsskalen stehen die „Kann-Beschreibungen“, wobei aber die konkreten Inhalte fehlen, die für dieses „Können“ erforderlich sind. Diese Lücke versucht der von Langenscheidt herausgegebene Band „Profile Deutsch“ zu füllen. Nicht beachtet werden von den Europaratsskalen interkulturelle, soziale, kreative, ästhetische, literarische oder spielerische Aspekte, die im Allgemeinen schwer messbar sind. Wie Frau Glaboniat feststellte, sei dafür aber genügend Raum in den Sprachenportfolios. Zuletzt habe ich Wendelin Schmidt-Dengler gehört, der in seinem äußerst unterhaltsamen Vortrag einen Streifzug durch die österreichische Literaturgeschichte gemacht und Beispiele der typischen monologischen Rede in den Texten von Nestroy, Grillparzer, Karl Kraus, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und Peter Handke herausgestrichen hat.
Am Donnerstagvormittag wurden verschiedene Podiumsdiskussionen angeboten, von denen ich das Podium zum Thema „Methodenexport im Zeitalter der Globalisierung - eine interkulturelle Herausforderung?“ gewählt habe. Hier ging es vor allem um den Einfluss, den deutschsprachige Verlage über die Verbreitung und den Gebrauch ihrer Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien ausüben. Deutschlehrer in anderen Ländern stehen dabei vor dem Problem, die Methoden, Inhalte und technologischen Voraussetzungen übernehmen oder auf ihre Lernenden zugeschnittenes Lehrmaterial selbst entwickeln zu müssen. Vor allem der Einsatz von Technologien und Medien wurde sehr kritisch beleuchtet, denn der in den westlichen Ländern als selbstverständlich vorausgesetzte Einsatz von Internet und Sprachlabors kann in Ländern, in denen es an grundlegenden Ressourcen wie Wasser und Strom mangelt, keineswegs garantiert werden. Der Bildungsmarkt schafft den Eindruck, dass Bildung käuflich und abhängig von Technologien sei, weshalb die TeilnehmerInnen insgesamt dafür plädierten, die Neuerscheinungen der Verlage eingehend zu prüfen und zu beurteilen. Ähnliches gilt für die Auswahl der Methode, die auf die Voraussetzungen der Lernenden, die Unterrichtssituation und die Lehrkraft abgestimmt sein sollte. Die TeilnehmerInnen meinten, es gehe weniger um die eine „richtige“ Methode, sondern um die Nützlichkeit und die Fähigkeit der Unterrichtenden, sich produktiv mit den methodischen Angeboten auseinander zu setzen und kulturspezifische sowie individuelle Voraussetzungen der Lernenden zu berücksichtigen. In der Diskussion wurde erkannt, dass auch die Methoden kulturgeprägt sind. So wurde z.B. in Bezug auf die kommunikative Wende gezeigt, dass sie das Bedürfnis der westlichen Länder widerspiegelt, in Teamarbeit die Aufgaben der Zeit zu bewältigen. Im Laufe dieser Argumentation wurde die heutige Tendenz zum autonomen Lernen als Ausdruck dafür bewertet, dass das Solidaritätsprinzip schwindet und der Ruf nach hochqualifizierten Individuen, Eliten und somit nach Selektion stärker wird.
Die nächste Sektion, an der ich teilgenommen habe, handelte vom Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht . Hier wurden nach einer allgemeinen Einführung ganz verschiedene Unterrichtsvorschläge präsentiert, zu Kurzgeschichten (Peter Bichsel: San Salvador), Märchen (www.sagen.at), Jugendliteratur (Gudrun Pausewang: Adi. Wie aus einem Träumer ein Diktator wurde) und Texten junger ostdeutscher AutorInnen. Zuletzt gab der 80jährige Anglist Hans Weber Didaktisierungsvorschläge zu einer Station aus Günter Grass „Mein Jahrhundert“, die auch in seiner von Inter Nationes herausgegebenen Anthologie „Vorschläge“ erschienen sind.
Die nächste von mir besuchte Sektion hatte das Thema „ Wortschatzarbeit – Erwerb und Vermittlung“. Dort wurden verschiedene Spiele vorgestellt, u.a. der Wortbaukasten Morfix, der im Internet herunter geladen werden kann:
http://home.swipnet.se/edersoft/morfix_webpage.html
Zuletzt habe ich noch einen Beitrag in der Sektion „Sprachmittlung: Übersetzen, Dolmetschen, sprachliche Mediation“ gehört, in dem es um die Bedeutung des Übersetzens für den Fremdsprachenerwerb ging. Die Vortragende vertrat dabei die These, dass Lernende automatisch übersetzen, indem sie Verbindungen zu ihrer Muttersprache oder einer anderen bereits erlernten Fremdsprache herstellen. Obwohl das Übersetzen im Unterricht seit der GÜM-Methode umstritten ist, integrieren Lehrwerke oft den Vorgang des Übersetzens. Aus verschiedenen Gründen (lernpsychologische, psycholinguistische, curicullare und textlinguistische) wurde insgesamt der verstärkte Einbezug der Fertigkeit des Übersetzens im Sprachunterricht befürwortet, jedoch als nicht geeignet zum Testen sprachlicher Fertigkeiten befunden.
Zusammenfassend möchte ich sagen, dass der Besuch der IDT in Graz eine ausgesprochen positive Erfahrung war. Die Workshops und Vorträge waren sehr lehrreich, die Stimmung motivierend und die Aufteilung von Lernen und Freizeit ausgewogen. Die Tagung bot ausreichend Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit KollegInnen aus aller Welt und die Möglichkeit, Fachkenntnisse auf den aktuellsten Stand zu bringen.
Die Teilnahme an der Tagung wurde mir durch das EU-Projekt „Grundtvig“ ermöglicht, das sich an Lehrende richtet, die in der Erwachsenenbildung tätig sind.
Desiree Hebenstreit(ACIT Bari)
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