Deutsche Gründungsmythen
Von der Hermannsschlacht bis zum "Wunder von Berlin"
Impressionen einer Tagung
Vom 6. bis 8. Mai fand an der Universität Ferrara unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Matteo Galli (Ferrara), Prof. Dr. Heinz-Peter Preußer (Bremen), Dr. Helmut Schmitz (Warwick, UK) und Prof. Dr. Anthony Visser (Leiden, NL) die erste Tagung eines Zyklus zum Thema "Europäische Mythen und nationale Identität" statt. Thema waren deutsche Gründungsmythen und ihre Funktion in der an Diskontinuitäten und Brüchen reichen Geschichte eines Landes, in dem die nationale Einigung trotz wiederkehrender Bemühungen immer wieder neue und andere Probleme mit sich brachte. Gründungsmythen, so erfährt man aus dem Vorspann des Tagungsprogramms, "fiktionalisieren historische Ereignisse mit der Absicht, das Disparate zu heilen, die nie gewesene Einheit zu beschwören und gleichzeitig zu stiften."
Um der heilenden Wirkung der Mythen nachzuspüren und eventuell auch die problematischen Nebenwirkungen aufzuzeigen, trafen sich in Ferrara eine Reihe von Wissenschaftlern, die die Problemstellung unter historischem, soziologischem, politologischem und literaturwissenschaftlichem Blickwinkel beleuchteten. Der thematische Bogen wurde dabei weit gespannt; er reichte von Überlegungen zum Nibelungenmythos über Beiträge zur nationalsozialistischen Mythenbildung bis zu den nach Beendigung des zweiten Weltkriegs erforderlichen Neugründungsmythen. Dabei gestalteten sich die einzelnen Analysen sehr vielschichtig, sie hatten historischen oder literaturwissenschaftlichen Charakter, bezogen sich auf soziale oder politische Phänomene und betrafen im Einzelfall sogar so aktuelle Themenstellungen wie den Fußball.
Höhepunkt der Veranstaltung war die Lesung von Klaus Theweleit, eines der wichtigsten Vordenker der Generation nach 68. Theweleit las aus Tor zur Welt und Heiner Müller ‚Traumtext', zwei Texten, die um das Thema Krieg und Kriegsbewältigung sowie um die Möglichkeit und das Gelingen des Neubeginns kreisen. Auch in der auf die Lesung folgenden Diskussion stand der zweite Weltkrieg und die Zeit danach im Mittelpunkt der Auseinandersetzung, verlagerte sich aber unmittelbar und wohl auch ungewollt von der deutschen Aufarbeitung und den damit zusammenhängenden Problemen auf den italienischen Umgang mit der faschistischen Vergangenheit. Theweleit nahm in diesem Zusammenhang Bezug auf den italienischen Neorealisten Rossellini, der seine ersten Filme in den 40er Jahren drehte und die Bevölkerung Italiens darin vorwiegend als Widerstandskämpfer gegen die faschistische Unterdrückung zeigte. Rossellini, so Theweleit, habe damit einen neuen italienischen Ursprungsmythos geschaffen, der im Ausland ausgesprochen wirksam gewesen sei. So habe beispielsweise der italienische Botschafter in New York berichtet, dass sich ihm "alle Türen geöffnet hätten", sobald Rossellinis Filme in den USA bekannt geworden waren. Nach dieser Anekdote bestimmte der Vergleich zwischen dem deutschen und dem italienischen Umgang mit der jeweiligen faschistischen Vergangenheit die Debatte. Die Diskussion hatte damit die thematischen Grenzen der Veranstaltung überschritten, angrenzende Fragen waren angeschnitten und Problemstellungen aufgezeigt, die Anlass zu neuen Überlegungen geben mögen. In diesem Sinne dürfen sich die Veranstalter der Tagung "Deutsche Gründungsmythen" des seltenen Erfolgs erfreuen, zu Diskussionen angeregt zu haben, die richtungsweisend dafür sein können, wie in Zukunft weiter gedacht, geforscht und diskutiert werden sollte.
Bologna, den 25. 5. 2005
Andrea Birk
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