Bericht

über die Verleihung des DAAD-Preises für italienische Deutschlandstudien
"Premio Ladislao Mittner" und die Eröffnung des DAAD-InformationsCentrums in Rom am 3. Mai 2005

Am 3. Mai dieses Jahres wurde im Goethe-Institut Rom zum dritten Mal der "Premio Mittner" vergeben. Preisträgerin ist in diesem Jahr Prof. Dr. Camilla Miglio von der Universität Neapel (Università degli Studi di Napoli "L'Orientale"). Dieses Ereignis nahm der DAAD zum Anlass, auch das von unserer Kollegin Ulrike Stepp in den letzten Monaten neu eingerichtete DAAD-InformationsCentrum offiziell zu eröffnen.

Zu Beginn der Veranstaltung wurden von dem Leiter des Goethe-Instituts Rom, Michael Kahn-Ackermann, dem Bürgermeister der Stadt Rom, Walter Veltroni, Otfried Garbe von der deutschen Botschaft, Prof. Dr. Vanda Peretta von der Universität Rom sowie von Dr. Joachim Umlauf vom DAAD einleitende Worte gesprochen.

Das Grußwort zur Verleihung des Mittnerpreises entrichtete Prof. Dr. Gert Kaiser, der Vizepräsident des Deutsch-Italienischen Hochschulzentrums. Er war es auch, der Frau Prof. Dr. Camilla Miglio den Preis überreichte.

Die anschließende Laudatio hielt Prof. Dr. Alberto Destro (Bologna). Er würdigte die Preisträgerin als hervorragende Übersetzerin und flexible Wissenschaftlerin, die über so unterschiedliche Autoren wie Luther und Celan, Burkhardt und Kafka, Goethe und Enzensberger gearbeitet und sich dabei methodisch häufig als Grenzgängerin zwischen Literatur-, Übersetzungs- und Kulturwissenschaft ausgewiesen habe. Den Mittelpunkt von Camilla Miglios Forschungen, so Destro, bildeten unterschiedliche Formen von literarischen Ausdrucksstrategien. Dies zeige sich ganz deutlich an dem prämierten Buch Vita a fronte. Saggio su Paul Celan, in dem die Germanistin Celans Kampf um das persönliche Wort aufzeige, das Erinnerung erfasse und - im Falle Celans - erträglich mache. Camilla Miglio habe dazu einen ganz besonderen Stil entwickelt: Auf ihre Erfahrungen als Übersetzerin zurückgreifend, führe sie eine genaue Ermittlung des Wortes durch, leuchte Bedeutungspotentiale aus, mache Annäherungsversuche an die hermetischen Ausdrucksformen Celans und verschaffe dadurch sich und ihren Lesern einen Zugang zu der sprachlich ausgeformten psychischen Welt des Dichters.

Eine Kostprobe ihres ermittelnden, suchenden und von Sprachreflexionen bestimmten Stils gab die Preisträgerin bei ihrer Ansprache: Der Name "Ladislao Mittner" bot ihr Anlass, den Ort der italienischen Germanistik und ihre eigene Stellung als Wissenschaftlerin zu bestimmen. Mit dem slavischen Vor- und dem österreichischen Nachnamen stehe der Gründungsvater der Disziplin zwischen Welten, erweise sich als Grenzfigur und benenne damit die Situation desjenigen, der Kultur vermitteln und die "terra incognita" der Fremdsprache zu einer "terra quasi cognita" machen will. Die deutsche Kultur, betonte Camilla Miglio, sei ihr ein Gegenüber, das sie beobachte und betrachte, und bleibe das Fremde, das ihr nur durch Übersetzung, Übertragung und Übermittlung zugänglich werde. Ein unbekanntes Territorium habe sie vor sich, an das sie Fragen stelle - Fragen, die vom Fremden Antworten verlangten und gleichzeitig das Eigene in Frage stellten. Diesen doppelten Verstehensprozess hatte Camilla Miglio wohl vor Augen, als sie sich selbst - wie vorher schon Destro - eine Grenzgängerin nannte und damit ganz bewusst die Verantwortung übernahm, in der Nachfolge Ladislao Mittners zu stehen und das von ihm begonnene Werk weiterzuführen unter dem veränderten Vorzeichen einer anderen, einer späteren Zeit.

Bologna, den 16. 5. 2005
Andrea Birk