Kurzer Bericht über die Tagung:

LA CERTIFICAZIONE DELLE COMPETENZE IN LINGUA STRANIERA NEL CORSO DI LAUREA IN MEDITAZIONE LINGUISTICA

Mailand 07.10.04

Alle Vorträge werden demnächst online unter www.scuolecivichemilano.it einsehbar sein, so dass ich mir hier eine kurze Zusammenfassung mit persönlichen Kommentaren vorbehalte.

Wie zu vermuten war, haben die Referenten der verschiedenen Sprachinstitute (Centre Culturel Français, Goethe-Institut, British Council, Instituto Cervantes und Österreichisches Sprachdiplom) ihre verschiedenen Zertifikatsprüfungen im Hinblick auf die Vorgaben des Europäischen Referenzrahmens mit Niveaubeschreibung (A1 -C2) und den 4 Fertigkeiten (Lesen-Hören-Schreiben-Sprechen) vorgestellt. Mit Ausnahme des spanischen Referenten, Herrn Rafael Martin Villanueva, fehlte der Bezug zur universitären Situation völlig.

Bei Nachfragen und in persönlichen Gesprächen stellte sich heraus, dass inzwischen einige Institute (u.a. das gastgebende Institut) und Universitäten die Zertifikate als Studienleistungen anerkennen und in universitäre Kreditpunkte umrechnen.

Es wurde vermutet, dass die Tendenz zur Anerkennung der Zertifikate dieser renommierten Sprachinstitute steigend sei. Vor allem Fakultäten, die nicht Sprache und Literatur als Schwerpunkt hätten, seien daran interessiert (progetto "Campus-one"), diese Zertifikate anzuerkennen. (z.B Jura, Ökonomie- und Politikwissenschaften)

Von zwei an der Uni Bologna unterrichtenden Englischkolleginnen erfuhr ich, dass ab diesem Studienjahr auch an der "Facoltà di Lingue e Letterature Straniere" Zertifikate der oben genannten Institute anerkannt würden, bzw. Studierende mit entsprechenden Zertifikatsnachweisen in die Kurse des 2. Studienjahrs eingegliedert würden.

Herr Rafael Martin Villanueva vom Instituto Cervantes hat als Einziger den Versuch unternommen, die Unterrichtssituation am Instituto Cervantes mit der Unterrichtssituation an der Uni im Hinblick auf die Erreichung der verschiedenen Niveaus zu vergleichen. Dieser Vergleich schien mir ganz interessant, weil es ähnliche Vergleiche und Berechnungen von Carlo Serra Borneto für Deutsch gibt.

Hier sehr verkürzt die Ergebnisse von Herrn Villanueva:

  • Am Institut Cervantes rechnet man mit 110 Unterrichtsstunden (US), um das jeweils nächsthöhere Sprachniveau zu erreichen:110 US'A2; 110 US'B1; 110 US'B2; 110 US'C1. Zur Erreichung des Sprachniveaus B2 insgesamt also 330 US, für C1 440.
  • An der Universität sollten eigentlich per Erlass 120 US pro Studienjahr unterrichtet werden (ungefähr 6 Wochenstunden). Das hieße, dass nach einem 3-jährigen Studiengang das Niveau B2 erreicht werden könnte. Da aber in der aktuellen Situation nur 4 Wochenstunden vorgesehen seien und die Unterrichtstunden nur 45 Minuten betrügen, sei nicht einmal das Niveau B2 erreichbar, geschweige denn das verlangte Niveau C1.
  • Alle 4 Referenten freuten sich über den enormen Anstieg der bestandenen Zertifikatsprüfungen seit 1990 (ein circa 75% Anstieg bei allen Sprachen, vermutlich im Zusammenhang mit dem "progetto lingua 2000").

Sehr interessant und aufschlussreich fand ich den Vortrag von Herrn Charles van Leeuwen von der Universität Maastricht. Er hat zwar auch die Zertifikate vorgestellt, die für Holländisch als Fremdsprache entwickelt wurden und entwickelt werden sollen, aber in seinem Vortrag ging es hauptsächlich um grundsätzliche Probleme, die die Auseinandersetzung mit dem Europäischen Referenzrahmen für alle Sprachen mit sich bringt.

Hier nur einige mir wichtig erscheinenden Punkte:

  • Die politische und soziale Realität sei weit entfernt von der didaktischen Realität. (Ähnliche Ansichten vertrat auch Prof. Frank G. Königs auf der Tagung "Traduzione e Riforma Universitaria v. 30.01-01.02.2004 in Mailand)
  • positiv: Die Beschreibung von Sprachkursangeboten sei durch die Normierung einfacher geworden.
  • negativ: Im Europäischen Referenzrahmen seien nur linguistische Kompetenzen berücksichtigt. Interkulturelle Kompetenzen fehlten.
  • Die Beschreibung der Niveaustufen sei nicht differenziert genug. Die Niveaustufen ermöglichten keine gerechte Beurteilung der Studierenden. Die Unterschiede zwischen Studierenden einer Niveaustufe seien zu groß. Ein 100 Punkte System wäre sicherlich besser.
  • Zwischen den einzelnen Niveaustufen gebe es große Diskrepanzen und Asymmetrien.
  • Trotz der Vereinheitlichung durch die Beschreibung der Niveaustufen sei es sehr schwierig, verschiedene Sprachen miteinander zu vergleichen (z.B. variierten die Anzahl der Vokabeln pro Niveaustufe sehr stark zwischen den einzelnen Sprachen und Niveaustufen)
  • Die Beschreibung der höheren Niveaus C1 und C2 sei nicht konkret genug und entspreche auch nicht den Bedürfnissen der Studierenden. Anstatt allgemeine Fertigkeiten zu formulieren, sei es sinnvoller, berufsspezifischere Fähigkeiten und Fertigkeiten zu formulieren, z.B "academic writing skills" or "legal, business English", Präsentationstechniken usw.
  • Die Selbsteinschätzung sei für viele Studenten sehr schwierig, für asiatische Studenten nahezu unmöglich.

An dem unter der Leitung der Referentin vom Goethe-Institut stattfindenden workshop habe ich nicht mehr teilgenommen, da ich die Zertifikate vom Goethe-Institut sehr gut kenne und mir nichts Neues (leider) für den universitären Unterricht erwartete

Tanja Peemöller Albugnano, 08.10.04