Studientag "Medienlandschaft Deutschland"
Verona 16.-17. 3. 2005
Das Goethe-Institut Italien organisierte am 16. und 17. März in Verona einem Studientag zum Thema "Medienlandschaft in Deutschland", der mit demselben Programm am 18. und 19. März in Neapel wiederholt wurde.
Das Einführungsreferat hielt Manfred Muckenhaupt, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen. Sein Vortrag zeugte von profunder Kenntnis der Medienlandschaft Deutschland, von wohl begründetem Wissen über ihre Besonderheiten und aufmerksamer Beobachtung bestimmter Entwicklungen und Tendenzen, dennoch war er über weite Strecken aus der Perspektive des Fachmanns gehalten, der die Medienlandschaft mit dem Blick eines Botanikers betrachtete. Über seine Liebe zum Detail vergaß Muckenhaupt öfter die Zuhörer, großenteils italienische Deutschlehrer, die sich einen Überblick verschaffen wollten, vergaß vor allem auch deren kulturellen Hintergrund, ihren spezifisch italienischen Blickwinkel, aus dem sie diese Landschaft sehen. So mögen Muckenhaupts Ausführungen zum Problem der Glaubwürdigkeit der Medien, zur Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, zu den Boulevardmagazinen, zum Konflikt zwischen öffentlichen und privaten Medien und zur Informationsverweigerung unter Jugendlichen von entscheidender Bedeutung für die Mediendiskussion in Deutschland sein, dem italienischen Deutschlehrer fehlte jedoch an vielen Stellen der Bezug auf Bekanntes. Vergleiche wären daher angebracht gewesen, sie hätten das Verständnis erleichtert und viele interessante Informationen, die der Vortrag zweifellos enthielt, in ihrer kulturellen Bedeutung erst hervorgehoben.
An der anschließenden, von Uwe Mohr (Goethe-Institut Rom) moderierten Podiumsdiskussion nahmen neben Manfred Muckenhaupt, Thomas Schröder, ebenfalls von der Universität Tübingen, und Frank Rosengart vom Chaos Computer Club teil. Die Diskussion drehte sich im Wesentlichen um die Rolle des Internets in der Medienlandschaft sowie um seine unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten. Rosengart trat dabei als ganz klarer Befürworter dieses neuen Mediums auf, Muckenhaupt übte harte Kritik und Schröder nahm eine eher moderate Position ein. Hauptthemen waren die Vor- und Nachteile der mangelnden redaktionellen Filterung des Internets und die sprachlichen Veränderungen, die durch das elektronische Medium verursacht werden. Die Debatte entzündete sich an den so genannten Weblogs (1). Rosengart sah darin eine interessante Möglichkeit, das Internet bidirektional zu nutzen und persönliche Informationen einer Gruppe von Freunden und Bekannten zur Verfügung zu stellen. Muckenhaupt hielt dies für eine neue Form von Tagebüchern, die einst in Schränken verstaubten, nun aber der Öffentlichkeit in Web Blogs zugänglich gemacht würden, wo, so Muckenhaupt wörtlich, "jeder darf, der nicht kann". Zu den neuen Sprachformen in der Nachrichtenübermittlung äußerte sich Schöder: Obwohl er diese mit Termini wie "Boulevarisierung der Nachrichten" oder "Häppchenjournalismus" beschrieb, räumte er ein, dass die heute so gefragten Kurzformen auch zu einer besseren Verständlichmachung, einer konzentrierteren und klareren Information beitragen würden. In diesem Zusammenhang kam die Verkürzung und Vermündlichung der schriftlichen Kommunikation in E-Mail und SMS zur Sprache. Wieder war es Muckenhaupt, der darin ein großes Problem sah und Sprachverlust, vor allem bei jungen Menschen, befürchtete. Die Verteidigung des Internets übernahm an dieser Stelle Almuth Meyer-Zollitsch (Goethe-Institut Mailand), indem sie auf dessen didaktische Nutzungsmöglichkeiten hinwies, wie z.B. E-Mail-Tandems sowie die Vielzahl von authentischem Textmaterial, die dadurch zur Verfügung stünden. Frau Meyer-Zollitsch sprach wohl aus, was viele der anwesenden Deutschlehrer im Publikum dachten. Denn trotz der Warnungen Muckenhaupts vor den elektronischen Sümpfen der Medienlandschaft war das Interesse an der Nutzung des Internets so groß, dass sein Befürworter Rosengart gebeten wurde, am nächsten Tag einen Workshop zum Thema abzuhalten, der eigentlich nicht vorgesehen war.
Andrea Birk (Bologna)
Am zweiten Tag fand eine Reihe von Workshops statt, wobei auch hier auffiel, dass die Darstellung der deutschen Medienlandschaft durch die deutschen Universitätsangehörigen http://www.goethe.de/ins/it/dll/sdl/frt/de368653.htm stark auf in Deutschland Lebende zugeschnitten war. Dies machte vor allem die Tatsache deutlich, dass einige der 40 effektiven TeilnehmerInnen (was bereits deutlich weniger waren als die 100 erwarteten Anmeldungen) nicht mehr erschienen.
Besonders evident war diese Problematik im Workshop Presse von Thomas Schröder: Von der ersten in Deutschland erschienenen Zeitung über den Völkischen Beobachter bis hin zur Modularisierung von Nachrichten in den neuen Medien (Häppchenjournalismus, s.o.) reichte der Bogen, den der Referent schlug. Für mich rasend interessant - aber für KollegInnen, die nicht in unserer Kultur groß geworden sind... Wer sich das mal ansehen möchte, kann die Internet-Seiten besuchen, die Schröder für diese Tagung zusammengestellt hat und die einen Monat lang mit folgenden Angaben für uns freigeschaltet sind: http://www.uni-tuebingen.de/uni/nmw; login: goethe_05; Kennwort: italien.
Sowohl während der Podiumsdiskussion als auch bei anderen Gelegenheiten wurde klar, dass die Absage des Chefredakteurs der Tagesschau Bernhard Wabnitz einen großen Verlust für die Tagung darstellte, und zwar insofern, als Wabnitz wohl einen Gegenpol zu den anwesenden Referenten gebildet hätte, die so nur in das gleiche Horn stießen; dabei konnte der Vertreter des zwischenzeitlich recht etablierten Chaos Computer Clubs wenig ausrichten.
Die Abschlussveranstaltung war ein Novum für diese Art der Fortbildung: Die Diplom-Pädagogin Dagmar von Consolati (sic), leitet mit zwei weiteren Kollegen das advance-Institut für neues Lernen in Berlin. Nach Verona kam sie mit dem Workshop Die Kunst, sich selbst zu motivieren oder Wie Sie verlorenen gegangene Motivation wieder neu beleben können. Bei Interesse kann man sich die Power-Point-Präsentation auf der folgenden Website für die Dauer eines Monats ansehen und ggf. herunterladen: http://www.advance-training.de > Service; username: Goethe-Italia, Kennwort: Motivazione-2005.
Unsere Berufsgruppe war nur durch Andrea und mich vertreten - wenigstens was die Veranstaltung in Norditalien betrifft.
Den Abend haben wir mit dem Kabarettduo FaberhaftGuth http://www.faberhaftguth.de/ verbracht, das mit seinem Stück Abgefahr'n einen durchschlagenden Erfolg bei uns Zuschauern hatte.
Zur weiteren Planung dieser LehrerInnen-Treffen: Das G.-I. wird weiterhin abwechseln zwischen einem landesweiten DeutschlehrerInnentag in Mittelitalien in einem Jahr und zwei inhaltlich deckungsgleichen Studientagen im darauf folgenden Jahr, wovon die eine Veranstaltung im Süden und die andere im Norden stattfinden soll, so dass die Veranstaltungsorte für alle Lektoren italienweit einigermaßen gut erreichbar sind.
Johannes Kurzeder (Bologna)
(1) Ein Weblog oder Blog (ein Kunstwort aus 'Web' und 'Logbuch') ist eine Webseite, die periodisch neue Einträge enthält. Neue Einträge stehen an oberster Stelle, ältere folgen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge. Zum grammatischen Geschlecht ist zu bemerken, dass überwiegend das Weblog gebraucht wird, wenngleich auch der Weblog verbreitet ist. (http://www.lexikon-definition.de/Blog.html).
In einem typischen Weblog hält ein Autor (der Blogger) seine 'Surftour' durch das Internet fest, indem er zu besuchten Seiten einen Eintrag schreibt. Es gibt aber auch Fach-Weblogs, in denen ein Autor Artikel zu einem bestimmten Thema veröffentlicht. Andere Blogger teilen auf ihrer Webseite Einzelheiten aus ihrem privaten Leben mit. Typischerweise linken Blogger auf andere Webseiten und kommentieren aktuelle Ereignisse. Viele Einträge bestehen aus Einträgen anderer Weblogs oder beziehen sich auf diese, so dass Weblogs untereinander stark vernetzt sind. Die Gesamtheit aller Weblogs bildet die Blogosphäre.
Weblogs sind vergleichbar mit Newslettern oder Kolumnen, jedoch persönlicher - sie selektieren und kommentieren oft einseitig und werden deswegen auch mit Pamphleten des 18. und 19. Jahrhunderts verglichen. Weblogs sind demnach keine Alternative zu (Online-)Zeitungen, sondern eine Ergänzung. Im Idealfall reagieren Weblogs schneller auf Trends oder bieten weiterführende Informationen bzw. Links zu bestimmten Themen. Die meisten Weblogs haben eine Kommentarfunktion, die es den Lesern ermöglicht, einen Eintrag zu kommentieren und so mit dem Autor oder anderen Lesern zu diskutieren.
(http://www.heise.de/newsticker/meldung/49840).
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